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Cybermobbing… lasst uns endlich in Ruhe!

Ich bin heute einigermaßen aufgebracht und schwanke noch immer zwischen Ignoranz oder gepflegtem Tobsuchtsanfall. Meine Kinder haben eine schwere Zeit hinter sich. Als im Dezember die Diagnose der Lütten unsere Familie aus der Bahn warf, war Sue Klein erst mal unser Hauptaugenmerk. Wir kämpften um ihr Leben und letztendlich auch um unser Leben. Die Leukämie war ein sichtbar gewordener Feind. Was diese Krankheit allerdings mit uns als Familie, als Ehepaar, als Eltern und was sie mit den Geschwistern machte, ist erst mal nicht sichtbar. Nach dem ersten Schock musste man schnell Lösungen finden für die neue Lebenssituation. Vor allem die Geschwister steckten jetzt zurück, mussten auf Mama oder Papa oder auf beide verzichten. Selbst wenn wir da waren, waren wir mit den Gedanken und dem Tun beim erkrankten Kind. Ständig wurden die Geschwister ermahnt, dass sie jetzt Rücksicht nehmen müssen, Verständnis haben sollen. Sie sahen, wie sehr wir litten, oft weinten, kraftlos waren.

Meine Große hat viel in sich hinein gefressen, lenkte sich viel ab und musste nun zu Hause mit ran. Meine Mittelste litt allerdings am meisten. Ich als ihre Mama fehlte ihr, sie wurde stiller und stiller. Sie nahm sich zurück, weil es die Situation erforderte. Ihre kleine Kinderseele (sie war erst neun Jahre alt) ging nach und nach kaputt. Wir hielten als Familie zusammen und versuchten alles, um keinen zu vergessen. Mitte letzten Jahres hatten wir nach fast überstandenem Kampf der Kleinsten auf einmal ein psychisch schwer angeschlagenes Geschwisterkind, welches nur noch weinte und das Leben nicht mehr schön fand. Natürlich machten wir uns schlimme Vorwürfe. Ich habe mich oft gefragt, wie wir es hätten anders machen sollen, wie es soweit kommen konnte.

Es gab Menschen in unserer Umgebung, die für uns leider keine Stütze mehr sein wollten, Freundschaften kündigten bzw. sich zurück zogen. Wir als Erwachsene wunderten uns oft einfach nur noch, doch mein Elfenmädchen, wie ich meine zarte Mittelste gern nenne, nahm sich die Veränderungen und Zurückweisungen sehr zu Herzen. Sie wurde offen angegriffen und auch hinter ihrem Rücken wurden Dinge erzählt, die nicht der Wahrheit entsprachen. Statt auf sie zuzugehen, wurde sie geschnitten. Es dauerte lange, bis sie sich uns öffnete. Ich war schockiert über das Ausmaß an schlimmem Verhalten von Freundinnen, Klassenkameraden oder auch der Reaktion der Schule.

Da unser Kampf um Sue Klein noch nicht ausgestanden war, hatte ich kaum Kraft, alles aufzuklären. Viele Dinge kamen leider auch nur tröpfchenweise ans Licht. Wer sich mit Mobbing auseinander setzt, weiß, dass die Grenzen fließend sind. Täter sind auch Opfer oder sind sich keiner Schuld bewusst. Für manche ist es nur ein Spass, andere fühlen sich seltsam erhaben über ihre Opfer.

Da mein Elfenmädchen noch sehr jung ist, habe ich die Nutzung des Internet sehr eingeschränkt. Allerdings ist sie seit längerem auf einem Portal angemeldet, auf dem Fangeschichten veröffentlicht werden können. Leider machte sie bereits im letzten Jahr schlechte Erfahrungen mit einer Freundin, die sie öffentlich angriff. Es war ein für mich harmloser Streit und ich vermittelte zwischen den beiden. Auch mit dem Hinweis, dass man Streit unter sich austrägt und nicht für viele fremde Menschen lesbar.

Wir lernten daraus und es war lange Ruhe. Mein Elfenmädchen verstand, dass man sich im Internet vorsichtig verhalten muss und fremden Menschen nichts über sich preis gibt. Sie erhielt eine Freundschaftsanfrage einer neu angemeldeten Userin des von ihr genutzten Portals und handelte dementsprechend. Nach einem harmlosen Mailkontakt erhielt sie gestern folgende Mail:

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Hallo…
Bestimmt hast du selbst bemerkt, dass ich mich nicht mehr melde
Eigentlich wollte ich so tun, als hätte ich keine Zeit mehr mit dir zu schreiben, aber das wäre dann doch….Naja, nicht ehrlich.
Ich weiß nicht warum ich weiter mit dir schreiben sollte, wirklich.
Du bist langweiliger als jede Person, die ich auf diesem Planeten kennen lernen durft.
Du bist ein Mutterkindchen, darfst nicht mal deinen Namen verraten, weil du dann wahrscheinlich Ärger mit deiner Mami bekommst
Sry, aber ich hab ganz normale Fragen gestellt und nicht, wie groß deine Brüste oder welche Farbe dein verdammtes Höschen hat. Besonders helle bist du scheinbar auch nicht. Das merkt man an deinen Schreibstyle, total inkompetent und öde. Zufällig Sitzenbleiber? Könnte ich mir vorstellen. Bei deiner Art grenzt es an ein Wunder, dass da Freunde gar Leute hast die dich mögen. Dazu bist du extrem arrogant und kindlich, so dass es mir schon fast peinlich ist, mit dir geschrieben zu haben. Was dann noch sehr… komisch ist; ‚Hallo, meine Schwester hatte Krebs.‘ Aber kannst mir den Namen nicht sagen? Rennst du auf der Straße rum und erzählst du das den allen auch? Wenn das das einzige ist, wo du stolz drauf bist, ist das noch peinlicher. Mitleid kannst du dir woanders schaufeln, Schnucki. Wahrscheinlich bist du psychisch nicht ganz okay, hast nen Schaden, durch welche Sachen auch immer. Mein Mitgefühl hast du nicht ergattern können, aber dafür mein Beileid, auf dieser Welt zuwandern. Dein Ruf unter den Autoren hier ist auch nicht besonders gut. Also beschwer dich nicht bei mir, dass ist nicht nur meine Meinung.  Aber das Problem ist, dass keiner den Mut hat dir das ins Gesicht zu sagen bzw. zu schreiben.

Ich wünsch dir viel Spaß noch, würde mich über keine Antwort freuen und hoffe, dass du dich mit Mami schön über meinen Text ärgern kannst.
Keine netten Grüße

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Meine Tochter ist jetzt 12 Jahre alt, ein zartes Mädchen, welches anders ist. So herrlich anders. Wir haben sie auf eine andere Schule gebracht, sie wurde ein Jahr zurückgestellt. Sie war in einer Klinik, sie ist in therapeutischer Behandlung. Es geht ihr trotz ihrer Probleme sehr gut. Sie hat gelernt, ihre Meinung zu sagen, sie ist eine gute Schülerin und hat Freunde (wieder) gefunden, die zu ihr stehen.
Der ganze Schreibstil und die angesprochenen Beleidigungen passen auf jemanden in ihrem Umfeld, auf jemanden, der ihre Lebensumstände und ihre Schwächen kennt. Ich bin mir sicher, diese Person zu kennen und es macht mich sehr wütend. Wäre es irgendjemand, den meine Mittelste gar nicht kennt, hätte ich das unter SowaspassierteinemimInternetschonmal abhaken können. Mein Elfenmädchen war merkwürdigerweise nicht mehr traurig, als ich ihr meinen Verdacht mitteilte, dass sie Opfer von Cyberstalking und -mobbing einer ihr bekannten Person geworden ist. Natürlich war ich erleichtert, dass wir die sehr verletzende Mail so besprechen und auflösen konnten.

Ich habe mich an das Support-Team des Portals gewandt und warte noch auf eine Reaktion. Viel verspreche ich mir nicht. Aber es muss eine Konsequenz geben. Die Mail erfüllt mehrere Strafbestände. Konnte ich mein Elfenmädchen in der Intensivtherapiezeit von Sue Klein schlecht schützen, werde ich dies jetzt um so mehr tun.
Traurig macht mich der Umstand, dass es offensichtlich einigen Personen nicht ausreicht, dass uns das Schicksal bescheiden mitgespielt hat, dass man nachtreten muss, keine Ruhe gibt. Da macht sich jemand extra die Mühe, um einen Fakeaccount anzulegen und aus der Anonymität heraus noch mal richtig loszuschießen. Feige und krank.

Ihr Lieben, mein Ärger ist noch nicht verflogen, aber  ich möchte den kleinen Cybermobbern dieser Welt nicht unnötig Aufmerksamkeit schenken. Das Thema Cybermobbing ist komplex und sollte trotzdem nicht ignoriert werden. Zu schlimm können die Folgen sein. Hilfe und Beratung sollte man sich beim kleinsten Anzeichen von Mobbing egal wo, ob in Schule, Freundeskreis oder Internet immer suchen. Aufklärung ist wichtig, sowie ein gutes Vertrauensverhältnis zum Kind. Ich halte einen geregelten und auch überwachten Umgang im Internet für minderjährige Kinder für wichtig. Auch appelliere ich an Lehrer und Schulen das Thema immer wieder aufzugreifen und Vorkommnisse nicht herunter zu spielen. Packt die kleinen Mobberseelen am Kragen und holt sie aus ihrer vermeintlichen Anonymität und nehmt das Thema nicht auf die leichte Schulter.

So, ich habe fertig für heute.

 

 

 

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