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Sommerloch und ich schreibe doch…

… was ich will…

Sue Klein hats mal wieder die krummen Beinchen weggehauen. Ein Anfall von Sommergrippe legte unser und ihr gesellschaftliches Leben für eine Woche lahm. Fieber mit über 40°C und ein fieser Husten und Schnupfen mit Wackelbeinen und Übelkeit verwehrten uns ihr Abschlussfest mit ihrer Klasse. Ja, ich gebe es zu, ich bin etwas traurig. Wir haben so oft in den letzten Jahren zurückgesteckt. In der Zeit der Chemo waren wir sehr isoliert. Jede noch so kleine Erkrankung hätte Sue Klein im schlimmsten Fall das Leben und im etwas besseren schlechten Fall wertvolle Zeit in der Therapie gekostet. Denn nur „gesund“ und mit guten Blutwerten durfte die nächste Chemo erfolgen.

Nun gut, am Donnerstag kann Sue Klein wieder zur Schule und hält die heißen zwei Tage bis zum Wochenende hoffentlich durch. Ich kann mir derweil weiterhin Gedanken machen, wie mein Bloggerleben weitergeht. Manchmal hat man das Gefühl, alle Themen wurden bereits trillionen mal durchgehechelt, alles schon besprochen, jede Meinung kundgetan. Warum also weitermachen?

In unserem Fall sage ich ganz klar: ich schreibe hier nach dem Happy End. Es war ein langer, oft trauriger, kraftzehrender Weg bis zum erfolgreichen Ende der Therapie. Wir als Familie haben genau darauf hingearbeitet, eigentlich gar kein Danach gesehen. Sue Klein sollte überleben, dass wir endlich weiter machen können. Aber womit? Es ist nichts mehr wie vor der Erkrankung. Vor allem, dieses Urvertrauen, welches ich immer in meine kleine heile Welt hatte, es ist weg. Glückskinder waren wir. Bis Dezember 2012.

Seitdem hadere ich und werde dieses bittere Gefühl nicht los, dass wir vielleicht zu glücklich waren? Ging es uns zu gut? Brauchten wir eine Schelle vom Leben? Gern hätten wir uns weggeduckt, aber zu spät erkannten wir, dass es nicht immer nach unseren Näschen geht. Und so sitze ich auch noch immer in einer kräftezehrenden Depression fest. Ich schwanke zwischen Aufgeben und Revolution anzetteln. Damals, wenn ich Sue Klein beim erschöpften Schlaf beobachtete, an Tagen, wo ich ihr stundenlang den Rücken gekrault, die Kotztüte gehalten habe oder ihre Glatze streichelte oder einfach das Leben hasste und mich weit weg von der Klinik wünschte, schwor ich mir: Danach wirst Du nur noch glücklich sein. Jeden Tag beobachtest Du Deine Kinder, freust Dich, tust nur noch Dinge, die Du möchtest und bereitest Deinen Lieben den Himmel auf Erden. Nebenbei gründest Du eine Stiftung und treibst den Stand der Forschung mit Nachdruck voran. Schließlich fliegt die Menschheit bald zum Mars, da wird sie doch wohl mit dem bisschen Krebs fertig.

Erst gestern schrieb mir eine liebe Bekannte, dass ihr Junge es nicht schafft. Keine Chance mehr. Sie sind zu Hause, der Krebs ist mit aller Macht zurück und möchte den kleinen Dreijährigen. Ja, ich gestehe-ich weine immer wieder bei solchen Nachrichten. Ich höre gar nicht auf. Und nein-ich werde mich nicht daran gewöhnen. Es waren so viele. Menschen, die meinen/unseren Weg gestreift, begleitet haben. Familien, die ihre Kinder hergeben mussten. Sie erlebten das, wovor wir so viel Angst haben.

Ab und zu schreibt man sich ein paar wenige hilflose Worte. Doch uns trennt der Tod. Ich denke immer an die Kinder, ich kann sie nicht vergessen, auch wenn mir das oft geraten wird. Ich solle mich abgrenzen, Abstand gewinnen. Aber wie sagte eine Ärztin? Das Buch des Schicksals ist bereits geschrieben. Und wer denkt sonst an die Kinder? Wie sehr ich mir wünsche, dass die Medizin endlich ihre Wundermittel herausrückt. Da muss es doch etwas geben?

Es heißt, das 80 bis teilweise sogar 90 Prozent der Kinder von den rund 1800 jährlichen Neuerkrankungen geheilt werden. Das sagt die Statistik. Zum Schutze der Familien möchte ich die vielen kleinen Schätzchen nicht aufzählen, die verstarben. Es waren zu viele. Und der Kampf geht immer weiter. Wieviele Familien haben erst heute wieder eine schlimme Diagnose erhalten? Und für alle diejenigen schreibe ich hier. Denn ich weiß, wie allein ich mich oft fühlte, hilflos, verletzlich. Ich habe viel im Netz gesucht nach glücklich ausgegangenen Krankengeschichten. Gefunden habe ich oft Seiten von Sternenkindern. Die Erfolgsgeschichten werden kaum niedergeschrieben.

Also hacke ich weiter auf meine Tastatur ein. Für die vielen kleinen Kämpfer da draußen. Haltet durch, lasst Euch nicht unterkriegen!

2 Kommentare

  • Rike

    So schreckliche Worte, aneinandergereiht zu angsterfüllenden Sätzen und ich mag mir nicht in meinen Alpträumen vorstellen, was du erlebt hast. Ich schicke dir ganz viel Liebe in Gedanken und halte deine Hand. Ich bin sehr froh, dass du mich gefunden hast, denn so habe ich dich gefunden. Und ja, bitte schreibe weiter! Und ich werde es teilen in der super-duper Muttibloggerwelt! Immer dann, wenn Gefahr läuft, dass wir uns mit nichtigen Banalitäten und der falschen Farbe der Kindersocken und Überraschungseier aufreiben.
    Danke <3, Deine Rike

  • Kaddi

    Liebe Rike, wow. Mir ist mal wieder nicht bewusst, dass das Thema immer noch sehr aufwühlt und auch erschreckt. Du weißt ja, man wächst mit seinen Aufgaben. Und wir hatten noch so viel Glück.
    Trotzdem mag ich auch die Sorgen wegen Banalitäten. Es gibt selten Unverständnis dafür, aber ich weiß, was Du meinst… die Mamabloggerwelt ist mir schon etwas fremd geworden. Als würde ich auf der anderen Seite des Flusses stehen.

    Aber Deinen Blog liebe ich… Dein „Unfallbericht“ ist der Hammer. Ich habe so gelacht. Und genau so etwas brauche ich, beißende Worte, Ironie und hintergründigen Humor. Deine Kaddi

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