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Mein Jahresendjammerposting

Zugegeben, ich jammere. Ich sehe oft nichts Gutes, ich jammere, hadere und verzweifle. In diesem Jahr auch und vielleicht noch mehr als im letzten Jahr. Es liegt der Verdacht nahe, dass eine leichte Undankbarkeit das Jammern leichter und präsenter macht.

Aber muss der Nachbar um halb sieben so laut Schnee schieben? Unter uns, ja er muss-es ist Pflicht. Aber ich freue mich über jede durchgeschlafene Stunde. Meine Schlafstörungen bringen mich noch um meinen weniger werdenden Verstand. Dabei bin ich immer müde, so müde.

Die klassische Frage: „Wie geht es Dir?“ kann und möchte ich nicht mehr so pauschal beantworten und ich weiß, dass darauf so gut wie niemand die lange jammrige Version hören möchte. Aber in einem Anfall von Selbstgeißelung und den Fragenden nerven wollen, jammere ich los. Und das nimmt dann so richtig Fahrt auf, noch während des ersten Jammeranfalls überlege ich, was noch alles richtig mies läuft. Da lässt sich ein normaler Vorgang (der Blick der Nachbarn ruhte irgendwie zu lange auf unserer Einfahrt) vielleicht in ein echtes Drama verwandeln. Und je nach Gesprächspartner gibt es vielleicht eine echte Drama-Challenge. Der heuchelt nämlich entweder Verständnis oder hat da einen Vorfall in petto, der mindestens genauso schlimm ist, wenn nicht sogar noch schlimmer.

Nun finden aber auch nicht wenige, dass wir wirklich Grund zum Jammern haben. Und das ist mir dann plötzlich unangenehm. Dann weiß ich, dass das „übliche“ Jammern für mich einen Zweck erfüllt. Es hilft mir beim Denken, beim Reflektieren, auch beim Ballast abwerfen. Ob mein Gegenüber dann den Ballast mitnimmt, ist nicht mehr mein Problem. Aber den echten Jammermüll über Krebs, ohnmächtige Angst und Trauer über verstorbene Kinder, den behalte ich lieber für mich… Hin und wieder versuche ich es wegzujammern, wenn ich mich mal wieder unter Rechtfertigungszwang fühle, warum wir noch immer so ängstlich und manchmal traurig sind. Aber schon im Jammeransatz spüre ich, das wollen die jetzt gar nicht hören.

Gern würde ich optimistisch auf den Jahreswechsel blicken, aber mir macht er Angst. Ich habe einfach nur Angst. Dagegen hilft kein Drüberleben. Die Angst ist da und freut sich über meine Ohnmacht. Ja, Krebs ist ein Arschloch. Er zerstört nicht nur Körper sondern auch Seelen, ganze Familien. Finger hoch, wer es auch so sieht. Darf ich ein bißchen jammern?

Hört mir eigentlich jemand zu? Bestimmt, ich habe ja noch nichts tiefgreifendes erzählt. Wenn ich tatsächlich von meinen Bedenken und Problemen erzähle, wird so gern weggehört. Schließlich ist doch jetzt alles gut. Nimm doch nicht immer alles so ernst, Katrin. Ihr habt es geschafft, jetzt ist alles super! Peinliche Gesprächspause…

Aber wisst Ihr was? Das ist jetzt unsere Welt und sie ist nicht so schlecht wie man meinen möchte. Es ist sogar ziemlich lustig bei den ganzen zum Traurigsein verurteilten Familien. Auch hier gibt es Gesprächspausen, aber keine peinlichen. Es ist auch ein Stück Familie und auch hier gilt, stürmische Zeiten verbinden. Und ich würde behaupten, ein Leben lang. Das ist nicht der Wunsch, sich weiter in Trauer und Selbstmitleid zu sühlen. Es ist der Wunsch, von Freunden zu hören, die man lieb gewonnen hat. Freunde, die da waren, als Familie und „alte“ Freunde ohmächtig waren und hofften, dass sie nicht so viel davon mitbekommen. Sich alles irgendwie allein regelt.

Lieblingsfreunde, die jetzt so unter gar keine der Kategorien passen wollen, es tut mir leid. Dies ist ein Jammerposting, da kann ich jetzt nichts versöhnliches schreiben. Auch nicht zum Jahresende, da bin ich hart. Es gibt einfach so gar nichts schönes zu berichten. Moment, ich muss mal den Hund aus meinem Schreibzimmer entfernen, der vergewissert sich gerade alle zehn Sekunden, ob sein Pipimann noch da ist.
Jetzt weiß ich wieder, warum alle Schreiberlinge nur Miezekatzen haben. Mist, ich kann den Hund durch die geschlossene Tür hören.

Wo war ich stehengeblieben? Ach beim Jammern. Also wenn sich alle gerade wieder so viel vornehmen, dann wünsche ich mir nur eins: Gesundheit! Wir wollen doch einfach nur mal zur Ruhe kommen, keine Krankenhausaufenthalte mehr, Schluss mit Psychotherapie an allen Fronten, auch mit der Hausfrauenpsychologie (es gibt nichts schlimmeres als dieses: „Du musst mal raus!“) Schluss mit Pauschalurteilen und den vielen Vorschlägen, wie wir endlich wieder fröhlich werden. Wir sind ja soooo traurig, jeden Tag. Auf einer Skala von null bis zehn, erreichen wir locker die zwölf und unsere Tränen füllen ganze Wannen! Täglich. Und unsere Zukunft? Schwarz, pechschwarz…

PS: Sie lasen einen Beitrag unter Entzug von Antidepressiva!

Kleiner Nachtrag… jammern ist ok… so… sagt Frau Mama auch!

 

 

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