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Obstwiese 2015 – ich habe es wieder getan…

Eigentlich hatte ich mir geschworen, dass ich dieses Jahr Pause brauche von allem rund um das Thema krankes Kind. Denn – Zitat: „Du darfst Dich nicht immer wieder damit beschäftigen.“ oder „Lass das nicht immer so dicht an Dich heran.“ oder „Ihr müsst wieder normalen Alltag leben.“ und so weiter und so weiter.

Ja, irgendwie haben alle Recht und irgendwie nicht. Neben der Therapiemüdigkeit von Kind, Kindern, Familie und sich selbst, ist man auch müde von den Angeboten der Vereine und Stiftungen, dem Aufeinandertreffen mit Familien, mit deren Schicksal man genauso wenig tauschen möchte, wie man sein eigenes kaum aushält. In der Therapiezeit habe ich sehr viele Familien kennengelernt, die sehr unterschiedlich mit den Krankheiten der Kinder umgingen. Bereits im Krankenhaus gab es Familien, die sich völlig schützten und auch keinen Kontakt suchten. Es gab Familien, die sich nur mit bestimmten Familien abgaben. Auch ich bzw. wir haben Sympathien verteilt. In wenigen Monaten sind tolle Freundschaften entstanden. Man war froh, dass man sich hatte und zusammen weinen, aber vor allem viel zusammen lachen konnte. Es gab auch Familien, die eine Fassade aufbauten, sich nie anmerken ließen, wie schlecht sie mit der Situation umgehen konnten.

Letztere haben mich immer sehr verunsichert, weil ich dachte, ich müsste viel stärker sein, nicht im Selbstmitleid und Leid versinken. Und allein dieser Gedanke hat mich noch schwächer gemacht. Je mehr ich versucht habe, die Situation anzunehmen, um so mehr hat meine Depression gesagt: Du hast es nicht drauf, geh heulen. Ich war wie gelähmt-Leben war unmöglich. Ich konnte auf einmal nicht mehr Auto fahren, einkaufen oder einfach nur ins Kino.

In der Zeit der Erkrankung lernt man viele Vereine und Stiftungen kennen. Wir haben viel Unterstützung durch Kinderlaecheln e.V. und die Björn Schulz Stiftung erhalten.
Seit drei Jahren bietet die Björn Schulz Stiftung über den Verein Zuckerbaum e.V. Projektwochen und Projekttage an. Und auch wir sind dieses Jahr wieder zur berühmten Obstwiesenwoche gefahren, zum Abschlussfest. Eine ganze Woche habe ich mir dieses Mal nicht zugetraut. Letztes Jahr habe ich zwei Tage nur geweint. Die Tage auf der Wiese sind so grausam schön. Da werden Bäume für die verstorbenen Kinder gepflanzt, da wird man in den Arm genommen, umsorgt, es wird gelacht, getanzt oder einfach nur ausgeruht. Die meiste Zeit fotografiere ich nur. So viele glückliche Kindergesichter, man weiß gar nicht, wo man zuerst hinfotografieren soll…

sosuess

In der Nacht von Donnerstag zu Freitag konnte ich mal wieder nicht schlafen und sah im Internet die Fotos der diesjährigen Obstwiesenwoche und ich bekam Sehnsucht. Ich stellte mir vor, wie Sue Klein über die Wiese läuft und vor lauter Spaß gar nicht weiß, was sie zuerst machen soll… Reiten? Schafe nachahmen? Den kleinen Berg herunterrutschen? Oder in der Hängematte schaukeln?

Morgens um fünf schrieb ich meiner Familienhelferin, ab wann und ob ich noch kommen kann… und dann konnte ich schlafen.
Eine Stunde fahren wir immer nach Glindow, aber das war mir egal. Ich kann wieder Auto fahren, gern sogar. Das habe ich mir mühsam selbst erarbeitet-ohne Couching, ohne Beistand. Mittags fuhren wir nach dem O.k. durch die Björn Schulz Stiftung los. Nach einer entspannten Autofahrt war Sue Klein plötzlich sehr aufgeregt. Es dauerte auch nur eine halbe Stunde bis sie allein über die Wiese jagte und so viel Spaß hatte. Sofort war ich in viele liebe Gespräche verwickelt und freute mich über die bekannten Gesichter. Natürlich dauerte es nicht lange und ich zückte die Kamera. Ich kann einfach nicht widerstehen. Am schönsten war das Gefühl angekommen und angenommen zu sein.

Und das ist vielleicht das ganze Geheimnis, das tun, was einem das Bauchgefühl rät. Und auf keinen Fall auf andere hören. Aber das konnte ich eigentlich noch nie gut. Aber es irritiert mich immer wieder. Als Hochsensible muss ich stets jede Sache von allen Seiten betrachten, es läuft automatisch. Ein negativer Einwand, sei er auch noch so lieb gemeint, kann mich in sehr langes Grübeln verfallen lassen. Ein sehr aufdringliches Grübeln. Fast zwanghaft spulen sich immer gleiche Routinen ab. Es wird von vorn, von hinten, rückwärts wie vorwärts durchgekaut. Gedanklich. Es ist so anstrengend. Ich brauche Gegenstrategien. Vielleicht doch ein Halbmarathon oder drei Kilometer schwimmen in der Havel, gegen den Strom, durch Seerosen? Aus Beton… also Betonseerosen…

Was den Kontakt zu den Familien, Vereinen und Stiftungen angeht… Warum nicht? Es ist nun mal so: mein Kind hatte Leukämie. Wir fahren einmal im Monat zur Blutkontrolle. Es gibt noch viele Folgeprobleme. Ob dies meine derzeitige Arbeitslosigkeit, die körperlichen Probleme von Sue Klein wie z.B. Kopf-, Bauch- und Beinschmerzen betrifft oder auch nur die finanzielle Situation. Ich kann den Familien mit kranken Kindern nur raten, sich unterstützen zu lassen. Die Björn Schulz Stiftung bietet sehr gute Sozialberatung an. Viele haben leider kaum Kraft, sich durch die Behörden, Krankenkassen und Rentenversicherer zu kämpfen. Sie verzichten auf Dinge, die ihr gutes Recht sind. Und trotzdem reicht es nicht mal für einen erholsamen Urlaub. Deshalb ist die Vereins- und Stiftungsarbeit so wichtig. Hier wird da angesetzt, wo die Familien allein gelassen werden. Danke. So sehr danke!

(© Fotos by Kaddi-Prodaktschn)

 

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