Papmami

Morgen ist leider auch noch ein Tag-eine Buchbesprechung

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Wer Depressionen hat, heult nicht unbedingt den ganzen Tag oder schläft oder denkt ohne Unterlass daran, wie er seinem jämmerlichen Leben möglichst schmerzfrei ein Ende bereitet. Der Depressive versucht jeden Tag zu überleben. Und er greift nach vielen Strohhalmen. Oder nach Büchern.

Ich habe viele Bücher gelesen, auch über Depressionen. Und einige haben mich maßlos aufgeregt und andere lasen sich, als hätte ich sie geschrieben. Manche Bücher über Depressionen waren für mich einfach nur unterhaltsam, aber wenig hilfreich. Ich bin immer auf der Suche nach Büchern, die beides sind-unterhaltsam und hilfreich. Vom therapeutischen Standpunkt her, sind sicher, die Bücher am hilfreichsten, die weniger Drumherrum und persönliche Note haben, die allgemeiner und nüchterner geschrieben sind. Aber jeder Mensch braucht eine individuelle Ansprache, jedem hilft etwas anderes.

So muss man sich eben durch viele Bücher lesen, um mindestens eine Depri-Bibel für sich zu entdecken. Ich kann von mir sagen, dass ich mindestens zwei Bücher gefunden habe, die ich gern auch ein zweites, drittes mal lesen würde. Schnell fand ich heraus, dass ich mit Büchern, die von Männern geschrieben wurden, nicht warm wurde. So habe ich dann fast Tobi Katze mit „Morgen ist leider auch noch ein Tag“ verpasst. Einfach weil mich die männliche Depression oder die Art, darüber zu schreiben, einfach nicht ansprach-bis zu diesem Zeitpunkt. Welcher Impuls mich ritt, mir sein Werk aufs Kindle zu laden, weiß ich nicht. Der Ansatz, darüber witzig zu schreiben, gefiel mir anscheinend. Einfach weil ich selbst mit teilweise schwarzem Humor gesegnet bin. Sagen manche.

Erst später überrollte mich auf Facebook ständig Werbung für eben jenes Buch. Und die dazugehörigen Kommentare: Das geht doch nicht, über Depressionen macht man keine Witze. Hätte der Autor selber Depressionen, würde der sich nicht darüber lustig machen. Man lacht nicht über Depressionen. Neinneinnein. Bitte, das Thema ist ernst.

Als ich die Kommentare zum Buch las, war ich schon ziemlich bei 50% Lesefortschritt und konnte mich nur wundern. Tobi Katze macht sich in seinem Buch keineswegs über Depressionen lustig. Er beschreibt nur auf humorvolle Art, wie er in eben jene schlitterte. Sein Ego kann schwer akzeptieren, dass ausgerechnet ihm Depressionen passieren. Dabei kommt er kaum aus dem Bett und erträgt Menschen nur mit Alkohol. Seine Wohnung ist unbetretebäl und Frauen haben Hausverbot in seinem Herzen und in seinem Kopf. Denn er merkt, dass er nichts geben kann, zuviel drehen sich abwechselnd Leere oder auch Fragen und Details, die sonst keiner beachtet um seinen inneren Kosmos.

Herrlich, als er der Familie seine Depressionen gesteht. Und genau wegen der beschriebenen Reaktionen, die meines Erachtens nach genau so hundertfach in unserer Gesellschaft depressive Outings mit sich bringen, outen sich so wenige Depressive. Im Prinzip hätte Tobi Katze auch über einen Fehlkauf lamentieren können. Es wird belächelt und übergangen.

Ich persönlich mag den Schreibstil von Katze. Mag dieser manchen oberflächlich und sinnlos vorkommen, so gibt er genau das Gefühl wieder, welches sich bleiern über Depressive legt. Sinnlos. Kraftlos. Da kann man schon mal über Gegenstände nachdenken, über die Frage, ob man aufsteht oder nicht. Ich kenne das. Man könnte nämlich auch liegenbleiben, es macht den gleichen Sinn oder Nichtsinn wie Aufstehen. Wozu? Pläne kann man ja machen, während die Stunden verstreichen. Welcher Wochentag ist heute?

Auch Tobi Katze passiert trotz seiner Untätigkeit das Leben. Letztendlich beschreibt er, wie er Schritt für Schritt und furchtbar langsam seinen Weg aus der Depression sucht und findet. Das deckt sich nicht unbedingt mit den Erfahrungen anderer Depressiver und wird deshalb auch nicht jeden Hilfesuchenden erreichen. Aber das kann kein Buch leisten-außer vielleicht ein von mir am Anfang beschriebenes nüchternes Fachbuch, welches sich wissenschaftlich mit Ursachen, Wirkungen und Therapien auseinander setzt. Alternativ kann ich dem ein oder anderen Suchenden noch „Das Monster, die Hoffnung und ich“ von Sally Brampton empfehlen. Dieses Buch habe ich verschlungen. Auch Kathrin Weßlings „Drüberleben: Depressionen sind doch kein Grund, traurig zu sein“ ist durchaus lesenswert, aber nicht autobiografisch, falls dies für den ein oder anderen wichtig ist. Aber wer Wortgewandtes und Wortgewaltiges mag, sich in den Sätzen verlieren möchte und sich vielleicht auch wiederfinden möchte, liest die Bücher der beiden Frauen. Bedrückend, ungeschminkt.
Wer hat noch Tipps für mich? Ich bin noch nicht ganz fertig, mit dem depressiv sein.

2 Kommentare

  1. Hey, ich habe Tobi Katze letztens mit eben diesem Buch auf einer Lesung gesehen und hatte wirklich Spaß. Er beschreibt, wie du schon sagst, auf eine humorvolle Art und Weise, den bitteren Alltag vieler Depressiven. Ich habe mich in vielen Gags wiedererkannt und auch die Relation meiner Mitmenschen. Toll, dass du über das Buch schreibst!

  2. Hallo Addy! Danke für Deinen Kommentar. Da bin ich direkt etwas neidisch. Tatsächlich war ich noch nie auf einer Lesung, hätte definitiv ein paar Wunschkandidaten. Wie läuft denn so eine Lesung ab?
    Dein Blog behandelt meine derzeitigen Herzthemen, Achtsamkeit und Entschleunigung. Darüber will ich auch noch mehr schreiben. Liebe Grüße Kaddi

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